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Recht 27.03.2019

Übersehener Wurzelkanal als Behandlungsfehler

Übersehener Wurzelkanal als Behandlungsfehler

Das Nichtbefüllen bzw. auch nur Teilbefüllen eines oder mehrerer Wurzelkanäle kann als Behandlungsfehler gewertet werden. So geschah es im Fall einer Patientin, welche ihren Zahnarzt verklagte. Dieser wurde zur Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilt. Die Klage lief über zwei Instanzen.

Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart wurde der Fall einer Patientin verhandelt, die nach einer fehlerhaften Wurzelkanalbehandlung den zuständigen Zahnarzt auf Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagte. Das Urteil wurde zugunsten der Patientin gesprochen. Das Oberlandesgericht erläuterte, sachverständig beraten, in den Entscheidungsgründen zu seinem Urteil vom 27. Mai 2014 (Az. 1 U 89/13) die Annahme eines Behandlungsfehlers wie folgt:

„Schadensersatzpflichtig hat sich der Beklagte durch eine fehlerhafte Wurzelbehandlung des Zahns 14 gemacht. Die durch den Beklagten erfolgte Wurzelbehandlung war fehlerhaft, weil er einen Wurzelkanal übersehen und daher nicht gefüllt hat […] und zudem die beiden weiteren Wurzelkanäle nur unvollständig verfüllt wurden […] Eine Verkalkung des Wurzelkanals, die einer Verfüllung entgegengestanden hätte, ist anhand der Röntgenbilder nicht festzustellen und auch in der Dokumentation nicht vermerkt […]“

Ohne Erfolg berief sich der Beklagte darauf, er habe die Befunde bzw. die Röntgenbilder anders bewertet. Der Sachverständige hatte allerdings mehrmals bestätigt, dass der nicht gefüllte Wurzelkanal auf der Kontrollaufnahme vom 2. Februar 2005 klar und eindeutig erkennbar und auch auf der Aufnahme vom 3. Mai 2005 zu sehen sei. Das Nichterkennen des dritten Wurzelkanals war nach Ansicht des Sachverständigen nicht vertretbar. Der auf das Versäumnis des Beklagten zurückzuführende Schaden belief sich in materieller Hinsicht auf 992,72 Euro sowie in immaterieller Hinsicht auf zwei zusätzliche Termine bei Dr. B. (Behandlung am 28. Dezember 2007, Röntgenkontrolle am 28. Januar 2008).

Infolge des Behandlungsfehlers musste die Wurzelbehandlung durch Dr. B. revidiert und dabei auch der dritte Wurzelkanal verfüllt werden. Die Arbeiten wurden am 28. Dezember 2007 erbracht und – nachdem es sich in der Regel nicht um eine Kassenleistung handelt – mit der Rechnung vom 5. Februar 2008 in nicht zu beanstandender Weise abgerechnet. Die Verwendung eines Operationsmikroskops war gerechtfertigt. Die danach erstattungsfähigen Kosten beliefen sich auf 970,72 Euro. Hinzu kamen Fahrtkosten in Höhe von 22,00 Euro (44 km x 2 x 0,25 Euro).

In immaterieller Hinsicht wurde als Schaden lediglich die Belastung durch die zusätzlichen Behandlungstermine bei Dr. B. am 28. Dezember 2007 und am 28. Januar 2008 festgestellt. Eine allgemeine Schmerzproblematik konnte zwar durch Pulpitiden einzelner Zähne verursacht sein. Dass dies der Fall gewesen wäre, ließ sich aber nicht nachweisen, da keine speziellen Einzelbefunde vorlagen, die einen direkten Zusammenhang mit Zahn 14 erkennen ließen und im Übrigen der erhebliche Einsatz von Schmerzmitteln bereits vor 2005 begonnen hatte.

Fazit

Im Ergebnis hatte der verurteilte Zahnarzt Schadensersatz in Höhe von knapp 1.000,00 Euro für die nachfolgenden Zahnarztkosten sowie für das Fahrgeld zu zahlen. Zusätzlich wurde ein Schmerzensgeld in Höhe von 3.500,00 Euro ausgeurteilt, wobei nur ein Bruchteil im Zusammenhang mit der fehlerhaften Wurzelbehandlung stand. Neben der bemängelten Wurzelbehandlung erfolgte ein nicht indizierter Knochenaufbau, bei dem es zu Entzündungen, dem Austritt von Knochenersatzmaterial und damit verbundenen erheblichen Schmerzen der Patientin kam. Schmerzensgeld im Zusammenhang mit der unzureichenden Wurzelbehandlung wurde nur im Hinblick darauf zugesprochen, dass die Patientin zwei weitere Behandlungstermine über sich ergehen lassen musste.

Der Beitrag ist im Endodontie Journal erschienen.

Foto: Max Tactic – stock.adobe.com

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