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Branchenmeldungen 12.09.2019

Mehr als Mundschutz & Co.: Zahnmedizin trifft Spitzensport

Antje Isbaner
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Mehr als Mundschutz & Co.: Zahnmedizin trifft Spitzensport

Die Sportzahnmedizin zeigt, wie nah Medizin und Zahnmedizin beieinanderliegen.

Am 23. November 2019 veranstaltet die DGzPRsport e.V. in Kooperation mit der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der Universität Leipzig das 1. Interdisziplinäre Symposium Sportzahnmedizin in der KONGRESSHALLE am Zoo Leipzig. Im Interview sprachen wir mit dem wissenschaftlichen Leiter des Symposiums Prof. Dr. Dirk Ziebolz, M.Sc. von der Universität Leipzig (Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie) über interdisziplinäre Schnittstellen in der zahnärztlichen Betreuung von Leistungssportlern und die komplexen Auswirkungen der Zahn- bzw. Allgemeingesundheit auf die Leistungsfähigkeit von Sportlern.

Herr Prof. Ziebolz, was ist Sportzahnheilkunde und was erwartet die Teilnehmer des Kongresses?

Die Sportzahnmedizin ist ein Querschnittsfach der Zahnheilkunde. Sie umfasst Aspekte der Prävention, der Funktionslehre, der Inflammation sowie Ernährung, die einen Einfluss auf mögliche/notwendige zahnärztliche und ggf. auch auf ärztliche Maßnahmen haben. Denken wir hier nur allein an das erhöhte Risiko von Erosionen oder die gesamtheitliche Betrachtung von Funktionsstörungen. Zudem umfasst sie einen Traumaaspekt aufgrund vielfältiger Sportverletzungen, unter anderem der Zähne. Im Spitzensport können wir die Zahnmedizin jedoch nicht als isolierte Fachrichtung stehen lassen. Ein interdisziplinärer Ansatz ist wichtig, da es bei Sportlern eine klare Vernetzung zwischen Medizin und Zahnmedizin gibt.

Auf unserer Veranstaltung wollen wir die Vielschichtigkeit innerhalb der Zahnmedizin und deren Vernetzung mit der Medizin sowohl durch Sportmediziner als auch Zahnmediziner übersichtlich darstellen. So konnten wir ausgewiesene Experten aus der Zahnmedizin und Medizin gewinnen: Zum Thema Ernährung wird Prof. Dr. Thomas Attin (Zürich) über ernährungsbedingte Zahnschäden referieren, zum Thema Funktion Priv.-Doz. Dr. Daniel Hellmann (Würzburg) und zum Thema Inflammation und Mundgesundheit der international anerkannte Sportzahnmediziner Prof. Ian Needleman (London). Mit dem ehemaligen Biathlon-Olympiateilnehmer Dr. Jan Wüstenfeld vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig und dem Orthopäden Prof. Dr. med. Pierre Hepp (Leipzig) haben wir ausgewiesene Experten aus der Medizin. Unser Ziel ist es, durch das Aufzeigen der Vielschichtigkeit und der Vernetzungsmöglichkeiten auf der Basis der heutigen Erkenntnisse eine bessere sportzahnmedizinische und medizinische Versorgung für die Sportler zu gewährleisten.

Obwohl dentale Erkrankungen nachgewiesenermaßen Auswirkungen auf die Gesamtgesundheit eines Menschen haben, ist die Sportzahnmedizin noch nicht umfassend in die Betreuung von Sportlern integriert – warum ist das so?

Das Hauptproblem ist, dass wir in allen Bereichen sehr wenig wissenschaftliche Daten haben. Der Kern der Spitzensportler liegt in einer Altersgruppe, in der orale Erkrankungen, wie eine manifestierte Parodontitis, noch nicht sehr häufig vorliegen. Wenn überhaupt, haben die meisten Athleten eine Gingivitis. Allerdings wissen wir bis heute noch nicht, welchen Einfluss eine Gingivitis oder eine Parodontitis auf die Leistungsfähigkeit hat. Natürlich können wir Modelle aus dem Zusammenhang zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen hier übertragen und ableiten, Stichwort: Diabetes mellitus und koronale Herzerkrankungen. Die Studien- und Untersuchungslage in Bezug auf die Leistungsfähigkeit eines Sportlers ist jedoch sehr dürftig, und man kann bislang keine klaren Aussagen treffen. Neben den Phasen des intensiven Trainings haben Spitzensportler auch Phasen der Erholung, in denen sie aufgrund von anderen Immunkompetenzen vieles anders „abpuffern“ können. Somit haben wir in diesem Kontext eine sehr diverse (Ausgangs-)Situation, die berücksichtigt werden muss. Mit Blick auf Entzündungen ist es umso wichtiger, dass man bei diesen Menschen insbesondere in Prävention investiert, denn vieles lässt sich ganz einfach vermeiden, wenn sie regelmäßig zu Kontrollen gehen, Zahnreinigungen durchführen und präventiv angeleitet werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind craniomandibuläre Dysfunktionen, welche sich auf die gesamte Körperhaltung auswirken und demnach die Leistungsperformance eines Spitzensportlers beeinträchtigen könnten. Hier kommt es natürlich auf die jeweilige Sportart an. Neben den Sportlern, die von einer Schiene nicht profitieren und bei denen es dadurch sogar zu negativen Rückkopplungen kommen kann, gibt es natürlich auch die, die eine Schiene benötigen. Diese Vielschichtigkeit ist in wissenschaftlichen Untersuchungen bislang nicht dargestellt. Eine sogenannte Performanceschiene zur Leistungssteigerung zu verwenden, ist bisher nicht untersucht und somit auch nicht wissenschaftlich bewiesen. Somit sind Funktion und Entzündung zwei Bereiche, deren Vernetzung miteinander für die Medizin sehr wichtig ist. Ärzte müssen sich einerseits darüber im Klaren sein, dass es orale Probleme geben kann, die möglicherweise Veränderungen im Blut bewirken und versuchen, Sportler adäquat präventiv zu beraten und zu betreuen. Im Weiteren sollten Orthopäden und Physiotherapeuten Auffälligkeiten der Körperhaltung im Blick haben und diese dann mit dem Zahnarzt besprechen. Einen solchen Schulterschluss zu schaffen und Symbiosen zu nutzen, ist heute die große Herausforderung, der wir uns annehmen müssen, wenn wir eine transparente und ehrliche Sportzahnmedizin schaffen möchten. In vielen Bereichen steckt das momentan noch in den Kinderschuhen.

Sportzahnärztliches Screening ist ein wesentliches Instrument der Sportzahnmedizin: Worin unterscheidet sich die Diagnostik bei einem Leistungssportler von der eines „Normalpatienten“?

Die diagnostischen Tools der zahnärztlichen Untersuchung in der Praxis sollten wir auch bei Sportlern anwenden. Aufgrund der speziellen Art dieser Patienten gibt es Dinge, die man ergänzend durchführen sollte, wie etwa eine Ernährungsanamnese, um mögliche erosive Gefahren zu ermitteln. Denken wir hier nur mal an den Radfahrer, der viele Zwischenmahlzeiten zu sich nimmt und dadurch ein erhöhtes Kariesrisiko hat. Sinnvoll ist eine Risikoklassifikation durch zielgerichtete Befragung. Das betrifft auch den Funktionsbereich. Sportler, die über eine Schiene nachdenken, sollten zunächst routinemäßig eine funktionelle Untersuchung des stomatognathen Systems im Sinne eines Screenings durchführen lassen und bei Bedarf eine erweiterte, umfassende Funktionsdiagnostik. Dann wird man schnell feststellen, dass nicht jeder eine Schiene braucht. Weiterhin ist eine Untersuchung der Mundhygiene und der damit verbundenen Gesundheitszustände mit Blick auf inflammatorische Einflüsse wichtig. Ziel soll es sein, über ein sportzahnmedizinisches Screening eine Art vorgeschaltete, bedarfsorientierte Ableitung eines möglichen zahnmedizinischen Behandlungsbedarfs und somit eine ausführliche zahnmedizinische Diagnostik zu machen. Konkret heißt das: Man macht ein Screening unter Trainingsbedingungen/im Rahmen von Trainingseinheiten mit einem abgespeckten diagnostischen Tool, das auch Mediziner und Dentalhygienikerinnen durchführen können sollten. Dieses umfasst eine spezielle Anamnese, die Aufnahme eines Entzündungsindex, wie etwa dem BOB (Bleeding on Brushing Index), einen kurzen Check der Mundhöhle auf Auffälligkeiten der Schleimhaut und der Zähne und das Ausfüllen eines Funktionskurzfragebogens. Wenn es hier Auffälligkeiten gibt, sollte man die Sportler zu einer umfassenden zahnmedizinischen Untersuchung schicken, welche die klassischen zahnmedizinischen Befundinstrumente beinhaltet und ggf. auf Basis der Voruntersuchung (Screening) zielgerichtet ergänzt bzw. angepasst wird.

Eine vieldiskutierte Komponente der Sportzahnmedizin ist die Leistungssteigerung. Welche Möglichkeiten des Leistungstunings für Spitzensportler gibt es?

Diese Frage kommt berechtigterweise auch häufig von den Sportlern selbst und von Sportmedizinern. Hier kommt es auf eine Vielzahl von Faktoren an, wie etwa den Sportler als Individuum, die Sportart, die tatsächliche Erkrankung der Mundhöhle etc. Es gibt eine große Datenheterogenität auf der Basis von ohnehin schon wenigen Daten, und deshalb ist es schwierig, diese Frage zu beantworten. Allerdings finde ich, dass wir das Ganze eher präventiv betrachten sollten. Wir sollten zunächst dazu beitragen, dass die Zahl der von Gingivitis betroffenen Sportler nicht mehr als zehn Prozent beträgt. Zudem sollten wir ernährungsbedingte/-verursachte Erosionen verhindern. Über den präventiven Einsatz können wir die Mundgesundheit verbessern und dadurch eine bessere Gesamtgesundheit schaffen, die am Ende einen positiven Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben kann. Unsere Aufgabe muss es sein, neben dem Leistungsaspekt primär am Gesundheitsaspekt zu arbeiten.

Wie viel Leistungsfähigkeit beispielsweise durch eine Schiene gewährleistet werden kann, wird heterogen diskutiert. Es gibt jedoch einige wenige Untersuchungen, die zeigen, dass eine Leistungssteigerung mit bestimmten Formen von Schienen erreicht werden kann – jedoch nur, wenn die Notwendigkeit bzw. Indikation für eine Schiene festgestellt wird, kann man auch eine Leistungssteigerung erwarten. Dies ist momentan eines der größten Spannungsfelder zwischen Medizin, Zahnmedizin und Sport.

In Deutschland steht ein hoher Bedarf an zahnmedizinischer Betreuung von Sportlern einer geringen Zahl ausgebildeter Sportzahnmediziner gegenüber.

Gibt es in diesem Bereich zu wenig Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, und welche weiteren Gründe sehen Sie?

In der Vergangenheit war die Sportzahnmedizin ein Feld, das eigentlich nicht belegt war, nur in einzelnen Fachbereichen. Das Thema Trauma war beispielsweise schon länger im Fokus, sonst würde es heute nicht die Zahnrettungsboxen geben. Was bisher jedoch nicht im Fokus einer gesamtheitlichen Betrachtung war, ist die Schnittmenge zu verschiedenen Disziplinen. Seit zwei bis drei Jahren gibt es nun ein zunehmendes Fortbildungsangebot, zum einen durch die verschiedenen Fortbildungen der DGzPRsport und zum anderen durch die zunehmenden Curricula auch von anderen Fachgesellschaften. Das Feld an sich und das Interesse daran wachsen, und wir haben eine immer größer werdende Fortbildungslandschaft für ein sehr kleines, spezielles Fachgebiet. Mittlerweile gibt es auch die ersten zertifizierten Sportzahnmediziner in Deutschland, und die Zahl wird in Zukunft sicherlich noch steigen.

Beim 1. Interdisziplinären Symposium der Sportzahnmedizin steht der interdisziplinäre Ansatz im Fokus. Wo sehen Sie die unmittelbaren inhaltlichen Schnittmengen mit der Sportmedizin?

Ich arbeite nun schon seit einigen Jahren in der Schnittmenge zur Medizin: Wenn wir mit den Medizinern zusammenkommen wollen, müssen wir versuchen, Themen zu identifizieren, die beide Felder betreffen und diese auch aus beiden Perspektiven betrachten. Dabei gilt es, einen inhaltlichen Schulterschluss mit der Medizin in puncto Gesundheitsbetreuung und Leistungssteigerung zu schaffen. Es ist wichtig, dass Sportmediziner wissen, dass es die Zahnmedizin gibt, die in verschiedenen Bereichen – und zwar über den Funktionsaspekt hinaus – einen Einfluss darauf nehmen kann, was für eine Strategie sie in der Therapie, der Prävention oder der Ernährungslenkung nehmen, mit einer möglichen Konsequenz auf die Mundhöhle oder umgekehrt, die Mundhöhle auf das Systemische. Bei unserem Interdisziplinären Symposium können wir das mit unseren Referenten transparent darstellen.

Wenn es uns in Leipzig gelingt, eine Veranstaltung zu schaffen, wo sich Medizin und Zahnmedizin treffen und beide Seiten feststellen, wie nah man bei bestimmten Feldern beieinander ist und die gleichen Ziele verfolgt, dann wird es zukünftig gelingen, das Thema Sportzahnmedizin als interdisziplinäre Fortbildungsveranstaltung und Wissenschaftsfach transparent zu diskutieren, um am Ende die Daten zu generieren, die Sportlern tatsächlich helfen werden, reale Leistungsverbesserungen zu erreichen. Das ist unser Ziel.

INFORMATION

1. Interdisziplinäres Symposium Sportzahnmedizin
Wann: 23. November 2019
Wo: Leipzig, KONGRESSHALLE am Zoo
Thema: Die Mundhöhle als leistungsbeeinflussender Faktor im Sport
Anmeldung: www.symposium-sportzahnmedizin.de 

Das Interview ist in ZWP Zahnarzt Wirtschaft Praxis erschienen.

Foto: vitaliy_melnik – stock.adobe.com

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