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Branchenmeldungen 09.03.2018

Die Qual der Wahl: Reparieren oder erneuern?

Die Qual der Wahl: Reparieren oder erneuern?

Am 20. Januar lud das Zahnmedizinische Fortbildungszentrum (ZFZ) Stuttgart zur 24. ZFZ-Winter-Akademie ein. Das große Thema war die Restauration. Was tun, wenn sie defekt ist? Wann lohnt eine Reparatur und wie lange hält sie? Was ist ethisch und ästhetisch vertretbar und was will der Patient? „Es bedarf vieler Abwägungen und trotzdem ist es nicht leicht, die richtige Entscheidung zu treffen.“ Mit diesem Satz sprach ZFZ-Direktor Prof. Dr. Johannes Einwag seinen Kollegen aus der Seele, als er zusammen mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden Dr. Eberhard Montigel die Fortbildungsveranstaltung eröffnete.

Reparieren oder erneuern? Als Prof. Dr. Johannes Einwag eine Lösung für sein defektes Smartphone suchte, entschied er, das Dilemma zwischen Reparatur oder Neuanschaffung zum Tagungsthema der 24. Winter-Akademie zu machen. Vor der Qual der Wahl steht man im Alltag an allen Ecken, sie hat jedoch in der Zahnheilkunde eine deutlich höhere Tragweite. Die Entscheidung ist sehr individuell. Um diese jedoch an der einen oder anderen Stelle für die rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu vereinfachen, stellten sich fünf Referenten aus Berufspraxis und Hochschule einen Tag lang der Frage, wann, inwiefern und ob eine Restaurationsreparatur lohnenswert ist. Die Referenten waren sich dabei einig: Wenn es um die Wahl Reparatur oder Erneuerung geht, gibt es keine eindeutige Entscheidung.

Reparatur gleich Pfusch?

Den Auftakt bildete der Vortrag „Füllungsreparatur – immer noch Pfusch?“ von Prof. Dr. Diana Wolff. Gleich zu Beginn gab die Professorin für Zahnerhaltung am Universitätsklinikum Tübingen zu bedenken, dass die Diskrepanz zwischen Lehre und Praxis sehr groß sei: Während über 80 Prozent der Dental Schools weltweit das Thema Reparatur lehren, würden nur rund 30 Prozent der Restaurationen repariert. Neben dem Alter des Behandlers seien u. a. auch schlechte Erfahrungen, Amalgam, Karies oder finanzielle Aspekte Gründe für die komplette Erneuerung einer Restauration. Eine Reparatur könne aber in vielen Fällen angezeigt sein, z. B. bei größeren marginalen Randspalten, starker Randverfärbung, Sekundärkaries, Randfrakturen und Chipping, Abnutzung oder kleineren Höckerfrakturen. Für eine Reparatur spreche vor allem die Perspektive des Zahns, der durch eine neue Restauration einen Zahnhartsubstanzverlust erleide. Anhand unterschiedlicher Reparaturbeispiele zeigte Prof. Wolff, wie schnell und unproblematisch einem Patienten geholfen werden kann, ohne dass man hierbei von Pfusch reden muss, und motivierte ihre Kollegen damit zu mehr Reparaturen.

Wenn es an die Zahnwurzel geht, ist die Entscheidung zwischen Reparatur und Erneuerung noch schwieriger. Prof. Dr. Michael Hülsmann/Göttingen präsentierte in seinem Vortrag „Endo: Revision/Resektion/Extraktion/Implantation“, welche unterschiedlichen Faktoren in der Endodontie bei der Therapieentscheidung eine Rolle spielen. Während bei insuffizienter Wurzelkanalbehandlung ohne iatrogene Veränderungen der Wurzelkanalmorphologie recht eindeutig eine orthograde endodontische Revision und bei einer extraradikulären Infektion, echten Zysten oder Tumoren eine Extraktion angezeigt sei, stelle das Mittelfeld eine Grauzone dar. Prof. Hülsmann betonte, dass hier unbedingt von Fall zu Fall entschieden werden müsse, eine Revisionsbehandlung jedoch eine rund 10–15 Prozent geringere Erfolgsquote als die Primärbehandlung verzeichne und diese bei bestimmten Indikationen nicht durchgeführt werden dürfe. Immer wieder betonte er: „Eine Extraktion sollte am Ende der Therapiekette stehen, ist jedoch manchmal sinnvoller als heldenhafte Versuche der Erhaltung am völlig ungeeigneten Zahn.“

Langzeitperspektive

Horst Dieterich, Zahnarzt und Zahntechniker aus Winnenden, beleuchtete das Tagungsthema unter dem Aspekt der Zeit. Sein Vortrag „Mit Patienten älter werden …“ zeigte, wie man am besten mit alternden Restaurationen verfährt, die genau wie der gesamte orale Bereich „durch Abrasion, Trauma oder die Hand des Menschen schnell am Rande des Verfalls“ stünden. Nach seiner Erfahrung stehe die Frage bei seinen Patienten nach der Haltbarkeit einer Restauration an erster Stelle – noch vor der Ästhetik und den Kosten. Daher betonte er nicht nur die Notwendigkeit der Pflege des oralen Umfeldes, sondern demonstrierte Möglichkeiten der Reparatur aus dem Praxisalltag. Darüber hinaus riet er zu einer professionellen Bilddatenbank und einem regelmäßigen Fotografieren der Patienten und des Zahnstatus.

Prof. Dr. Dr. Ralf Smeets, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Forschung MKG des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, unterhielt das Publikum mit seinem Vortrag „Auch Implantate altern“. Er eröffnete ihn mit den Worten: „Unsere Gesellschaft altert. Die Pflege von Implantaten trifft künftig jeden Zahnarzt irgendwann.“ Logischerweise werde die Zahnärzteschaft auch mit den höheren Gesundheitsrisiken einer alternden Gesellschaft konfrontiert. In dieser Kombination berge der Erhalt und die Pflege von alternden Implantaten besonders viele Herausforderungen. Wie diese – vor allem unter dem Aspekt des Langzeiterfolges – zu meistern sind, beschrieb er anhand beispielhafter Vorgehensweisen bei unterschiedlichen Risikopatienten. In diesem Zusammenhang regte er an, bei Implantaten zwingend auf Qualität zu setzen, da mögliche Abrasionen, die vor allem bei minderwertiger Qualität auftreten, zwangsläufig zu Problemen führen. Neben Titan sei unbedingt Zirkondioxid eine gute – wenn nicht sogar die bessere – Wahl. Abgesehen davon seien Patientenselektion, Defektauswahl, Breite des Interdentalraums und die Wahl der chirurgischen Technik ebenso wichtig für den Langzeiterfolg eines Implantats.

Aufwand und Nutzen

Nicht nur die Frage nach der Erhaltung oder der Erneuerung ist für den Zahnarzt zu beantworten, sondern auch jene des Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Diesem Thema widmete sich Dr. Dr. Alexander Raff, stv. Vorsitzender des GOZ-Ausschusses der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, in seinem Vortrag „Abrechnung – Erneuern oder Reparieren?“. Er verglich die Honorare zwischen Reparatur und Neuanfertigung, GOZ und BEMA. Bei einer Abrechnung nach GOZ stehe zudem weniger Zeit zur Verfügung als nach BEMA. Doch beide motivieren nicht gerade zur Erhaltung. Die Erneuerung werde besser honoriert. Kein Wunder, dass Reparaturmaßnahmen im Durchschnitt weniger als 0,3 Prozent des zahnärztlichen Gesamthonorars ausmachen. Dennoch betonte Dr. Dr. Raff: Auch Erhalten kann betriebswirtschaftlich sein. „Wer bewusst erhalten will, muss sein Erhaltungshonorar nach § 2,1 und 2 GOZ vereinbaren.“ Schließlich solle eine Behandlung eine Win-win-Situation für Zahnarzt und Patient sein.

Autorin: Kristina Hauf

Dieser Beitrag ist im Endodontie Journal 1/2018 erschienen.

Foto: ZFZ Stuttgart
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